N O T I Z E N
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08.08.10 Was so alles passiert (ist)
Sommer 2010, viel passiert. Kai dreht gerade schon wieder in Norwegen, einen extrem viel versprechenden Film namens Black Milk, für unsere Voice-CoProduzenten GenesisFilm, der mit Sicherheit ein großer Erfolg auf internationalen Filmfestivals wird. Unsere Reisen mit Maja Ratkje in Norwegen, in Brügge, der Schweiz und East Suffolk waren sehr ergiebig. Wir sind mit einem seltenen Optimismus von diesen Dreharbeiten zurückgekommen, und nun muss geklärt werden, wer, wann, wie und wo das Material schneiden wird. Ende September geht es hoffentlich weiter, in Sardinien mit Maja, Sylvie Courvoisier und Ikue Mori.
Vorher beende ich aber erst einmal unseren vorhergehenden Dokumentarfilm Nocturne, für den ich gerade am Wochenende ein paar Tests für den Prolog und die Titelsequenz gemacht habe. Endlich habe ich das Richtige gefunden. Nicht zuletzt durch die Anmerkungen von Andres Veiel zu unserer Rohschnittfassung vor einiger Zeit denke ich, dass in diesem Fall die mutigste und kompromissloseste Variante die passendste ist.
Dass der Film am Ende keiner für alle ist, stört mich nicht. Ich denke, er muss vor allem gut sein. Schließlich arbeite ich parallel ja noch an weiteren, ganz anderen Filmen, die sich an anderes und breiteres Publikum richten. Voice zum Beispiel wird ein Film, der auf vielen Ebenen viele unterschiedliche Zuschauer ansprechen wird.
Zehn Frauen wiederum wird komplett anders, voraussichtlich auch auf anderen Wegen öffentlich gemacht. Dazu werden demnächst ein paar Imagevideos, die ich im Sommer gedreht und geschnitten habe, veröffentlicht. Falls jemand auf der Suche nach persönlichen Imagefilmen bzw. -videos ist, so möge er/sie gerne auf mich zukommen. Mit meiner HD-Kamera bin ich flexibel und gestalte gerne in direkter Zusammenarbeit persönlich zugeschnittene Filme, Videos, Präsentationen über Geschäfte, Firmen, Projekte, Privatmenschen oder auch künstlerische Arbeit. Kurz oder lang.
Gegenwärtig drehe ich regelmäßig für SC Architekten an einem Dokumentarfilm, der den kompletten Bau eines Passivhauses an der Grenze zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg begleiten und wiedergeben soll. Fertigstellung des Hauses wird voraussichtlich im August 2011 sein. Baubegleitend sollen die mitwirkenden Firmen und die verschiedenen Zusammenhänge und Materialen porträtiert werden.
Von diesen entstehenden Filmen habe ich vor ein paar Tagen einige neue Stand- und Produktionsfotos sowie Informationen zum Film hier eingebastelt.
Des weiteren sind Karl-Heinz Roller und ich in letzter Zeit viel im Austausch über unseren Hölderlin-Spielfilm Nekar. Ein höchst komplexes und schwieriges Projekt, das diese sehr intensive Vorarbeit erfordert - und wenn wir es ordentlich finanziert bekommen, wird es ein genialer Film. Toll wäre, wenn wir "Nekar" zwischen Frühjahr und Herbst 2012 drehen könnten.
Was ich im nächsten Jahr, 2011, dann noch drehe, ist allerdings noch nicht so recht klar. Ideen gibt es zwar, aber die sind noch nicht spruchreif. Auch die Fertigstellung von "Voice" wird viel Zeit und Genauigkeit erfordern, aber wenn jemand noch ein Projekt hat, dokumentarisch, fiktional oder auch abstrakt, wo noch die Position des Regisseurs noch unbesetzt ist... oder Referenzgelder oder sonstige Budgets in eines meiner hier erwähnten Projekte investieren möchte: Ich bin erreichbar!
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20.03.10 Snape, Aldeburgh Music
Lange habe ich hier keinen Eintrag hinterlassen. Dabei ist zwischenzeitlich nicht wenig passiert. Im Augenblick bin ich in East Suffolk bei Aldeburgh Music in Snape, wo wir eine Woche mit Maja Ratkje aus Norwegen und Kathy Hinde aus England gedreht haben, was am Ende, also voraussichtlich im Sommer 2011 einen Kinodokumentarfilm über Majas Arbeit und ihre zahlreichen Zusammenarbeiten mit unterschiedlichen Künstler(inne)n ergeben wird. Die Drehzeit habe ich bis mindestens Anfang 2011 veranschlagt, da wir Konzerte, Workshops, Studioaufnahmen und anderes in verschiedenen Ländern begleiten wollen.
Direkt nach der Rückkehr nach Berlin, also ab nächste Woche werde ich mit Magdalena Hutter einen weiteren Dokumentarfilm, über zehn Künstlerinnen aus zehn unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern. Noch nicht vollendet ist zudem leider der im letzten Jahr gedrehte Nocturne. Der Schnitt wird noch ein wenig Zeit brauchen. Aber der Film ist schon jetzt sehr vielversprechend - und ein ganz reizvolles, sehr konzentriertes Gegenstück zu dem viel ausufernderen, international entstehenden Film mit Maja.
Geliebte wurde gerade, nach dem Prädikat "besonders wertvoll", für die Beteiligung an Next Generation von German Films ausgewählt, dessen Premiere im Mai in Cannes sein wird. Vorher wird der Film noch im Nationalen Wettbewerb des Filmfest Dresden seine öffentliche Uraufführung haben.
Es passiert also einiges zur Zeit... In wenigen Minuten gehe ich zurück ins "Britten Studio" hier in Snape, wo zuerst Marina Rosenfeld ihr neues, in den letzten Tagen hier entstandenes Werk mit Musikerinnen vom London Contemporary Orchestra präsentieren wird, und im Anschluss Maja, Kathy und Frode Haltli ihre Performance, die wir visuell und akustisch aufzeichnen werden, bevor morgen alle wieder in ihre Heimatländer fahren werden.
Hier noch ein paar Impressionen von unseren Drehtagen in der vergangenen Woche:
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08.09.09
DFFB in Wien
Mein über drei Jahre alter, durchaus sehr sympathischer Kurzfilm Vor dem Konzert mit René Hofschneider als Cellist wird in Wien bei der diesjährigen Viennale seine überraschende öffentliche Uraufführung haben. Nachdem ausnahmslos alle Festivals den Film abgelehnt haben, ist es dem geschiedenen dffb-Direktor Hartmut Bitomsky zu verdanken, dass der Film nun doch noch irgendwo öffentlich gezeigt wird. Bitomsky hat dieses Sonderprogramm für die Viennale zusammengestellt und neben zahlreichen Erfolgsfilmen - wie beispielsweise "Kokon" von meinem Jahrgangskollegen Till Kleinert, der gerade im Wettbewerb in Locarno uraufgeführt wurde - also auch meinen Film in eines der vier 90minütigen DFFB-Sonderprogramme. erwählt. Mich freut dabei besonders, dass "Vor dem Konzert" gemeinsam mit einem Studentenfilm von Christian Petzold gezeigt wird, dessen Filme, Kommentare und Seminare mir seit vielen Jahren wertvolle Anregung und Unterstützung geben konnten.
Weitere Informationen zu den Filmprogrammen hier.
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28.08.09 Hölderlin in Bonn
Wer zufällig (oder auch geplant) nächste Woche in Bonn weilt, kann die Gelegenheit nutzen, meine 12-Minuten-Fassung der Hölderlin-Fragmente zu sehen. Das Beethovenfest vor-eröffnet das Programm am 3. September mit der Kurzfilmauswahl, vor allem den fünf geförderten Kurzfilmen der Ausschreibung "Im Licht - Die romantische Verklärung des Künstlers".
Ich werde selbst auch dort sein, hoffentlich mit Frau und Kind. Wenn uns dort also jemand treffen will, freuen wir uns.
Information hier.
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05.02.09
Wie alle Berufe spielt sich auch das Filmemachen zunehmend nur noch fast ausschließlich vor Bildschirmen ab. Exposé, Treatment und Drehbuch werden am Computer verfasst, Team und Besetzung werden über Email und Internet zusammengesucht, die Kamera ist mittlerweile oft auch nur noch ein Computer, Bildschirm in Reichweite, Schnitt und Tongestaltung finden am Computer statt, Musikaufnahmen und Tonmischung ebenso - und viele Leute sehen Filme nur noch auf DVD, oftmals auf dem Computer.
Hier ein paar letzte Fotos aus der Postproduktion unseres (auf antikem Zelluoid gedrehten) Computerfilms:
Zeit vergeht... und nun ist unser Film fertig. Inhaltlich und sachlich jedenfalls. DVDs und Vorführkopie sind noch nicht gemacht. Ansonsten ist aber alles vollendet. Mit Johannes Seibt habe ich über die letzten Wochen hin die Nächte in der Tonmischung verbracht (er mehr als ich), und nun klingt alles sensationell gut. (Allerdings sollte man dazu ein gutes Kino haben.)
Bei Condor konnten wir mal wieder eine wunderbare Farbkorrektur machen, so dass die Bilder gleich doppelt so gut aussehen. Florian Stärk hat uns zwei Tage lang jeden (Farb-)Wunsch erfüllt:
Nun bleibt die Suche nach einer Festivalauswertung und nach einem geeigneten Premierenort.
Fürs erste habe ich heute einen schönen Trailer gebastelt, den man nun als Vorgeschmack hier und auf der Faust-Seite (die noch immer einen Designer sucht) anschauen kann.
Ich bin natürlich sehr gespannt, wie der Film ankommt wird; jedenfalls ist alles anders, als man bei Goethes "Faust" erwarten würde...
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12.01.09
Musikaufnahmen sind für den Regisseur immer eine bequeme Sache - man sitzt rum und schaut zu, wie einem andere, sehr qualifizierte Leute den "eigenen" Film verbessern. Für mich ist das vielleicht deshalb noch toller, weil ich am liebsten gerne selbst Musiker geworden wäre - oder zumindest Produzent von Bands, wie Brian Eno oder Rick Rubin. Und weil ich das Filmemachen gewissermaßen als Musizieren betrachte - und eine Musikalität im Film selbst zu gestalten versuche. Das hat mich schon immer am meisten am Filmemachen fasziniert (und gereizt): Wie ein Dirigent aus ganz vielen Einzelstimmen, individuellen gestaltenden Köpfen schließlich eine Art Sinfonie entstehen zu lassen.
(Auf dem Foto Steffen Greisiger und Johannes Seibt)
Hier im selben Studio in Potsdam haben Florian Kühnle und ich vor sechs Jahren die Filmmusik für Zwischen Flieder wandern und singen aufgenommen. Immer wieder ist es ein großer Genuss, mitzuerleben, wie gut ausgebildete Musiker auf den Punkt genau spielen.
Nachdem Steffen Greisiger und ich seit Mai über die "Faust"-Filmmusik gesprochen haben, immer wieder herumprobiert, diskutiert und vor allem auch vereinfacht haben, war heute der große Tag, an dem wir die Musik endlich aufnehmen konnten. Da ich zuvor noch mit keinem Komponist Musik für einen abendfüllenden Spielfilm erarbeitet hatte, war es auch für mich eine große Freude: was ich mir schon vor dem Dreh vorgestellt hatte, erfüllte Steffens Musik vollkommen - nur besser. Wie man es sich von einer richtig guten Zusammenarbeit erhofft. Diese Musik macht unseren Film nicht nur deutlich stärker - sondern vielleicht sogar eigentlich erst vollständig.
Die Musik hat genau diese Klarheit und gleichzeitige Rätselhaftigkeit, die ich mir gewünscht habe. Und immer wieder dringen der Wahnsinn und der Witz des Mephisto durch. Hier auf dem Foto unser hervorragender Bratscher Christoph Starke, der mit seinem Instrument Geräusche produziert hat, wie ich sie mir vorgestellt hatte:
***
Auch die Drehtage für "Geliebte" vor kurzem waren ganz wunderbar. So entspannt war es für mich bisher noch nie gewesen: Alle Mitarbeiter waren so hingebungsvoll und präzise bei ihren jeweiligen Tätigkeiten, dass ich schließlich nichts mehr zu tun hatte. Im Vergleich zum üblichen Studentenfilmprozess, meine ich. Wenn Filmemachen immer so entspannt wäre... Kostüm-, Masken- und Szenenbildnerinnen, Ausstattung, Kamerafrau, Beleuchter/innen, Tonmenschen, alle Assistentinnen... dass man jede/n einzelne/n so vertrauensvoll werkeln lassen konnte, war ein grandioser Luxus. Ein fantastisch professionelles Arbeitsklima. Und unsere Schauspieler wurden von allen geschätzt und gelobt... auch ein paar sehr intime Szenen gingen wunderbar leicht. Wenn der Film also nicht funktionieren sollte, bleibt absolut niemand, auf den ich die Schuld schieben kann.
Paola und Eduardo haben in Spanien mit dem Schnitt begonnen; da bin ich gespannt, was sich an Überraschungen ergeben könnte...
Wo sind eigentlich die Fotos, die beim Dreh gemacht wurden?
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21.04.08 Hommage an Claire Denis zum 60.
"Die Filme von Claire Denis sperren sich gegen die Analyse. Sie lassen sich nicht auflösen, in keiner Hinsicht. Ihre Plots zerfallen ins Banale oder Amorphe, sobald man sich an sie zu erinnern versucht." Ekkehard Knörer
1999 oder 2000 sah ich zum ersten Mal einen Film von Claire Denis, "Beau Travail" mit dem unvergleichlichen Denis Lavant als Fremdenlegionär in Afrika. Besonders die letzten drei Minuten des Films haben mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich seitdem Claire Denis' kompromisslosen Ansatz, Filme zu machen, nicht mehr aus meinem Leben wegdenken kann: Zu dem einem 90er-Jahre-Dancefloor-Hit explodiert Denis Lavant vor unseren Augen beim Tanz in einer Diskothek. Anders kann man es kaum beschreiben. Das muss man gesehen haben, um es zu glauben. Und dann bricht der Film ab.
Alles, was vorher war, erscheint nach dieser Szene in einem neuen Licht, denn plötzlich bekommt die Hauptfigur durch diesen emotionalen Ausbruch, an den man nach 90 Minuten nicht mehr glauben wollte, eine ganz neue Bedeutung und Intensität. "Beau Travail" ist ein freie Adaption von Herman Melvilles letztem Roman "Billy Budd", was aber Claire Denis daraus macht, ist in höchstem Maße Filmsprache, "ein impressionistisches Panorama über gestählte Körper, streunende Begierden und die Indifferenz der Natur" schrieb Merten Wortmann in "Die Zeit". Ob es überhaupt eine erzählerische Handlung gab, hatte ich direkt nach dem Sehen eigentlich schon vergessen. Die Bilder der choreografierten nackten Männerkörper in der Wüste und die schwebende, schwelende Atmosphäre des gesamten Films hinterlassen einen derart intensiven Eindruck, dass mich eine konventionelle Erzählung vielleicht nie dorthin bringen könnte, wohin mich Claire Denis mit diesem Film brachte.
Ähnlich hat das Claire Denis in ihren anderen Filmen auch gehandhabt. Ihre Filme sind mir seither stets einer der besten, überzeugendsten Beweise geblieben, dass das Erzählen von Geschichten nicht die wesentliche Aufgabe des Kinofilms ist, sondern das Erlebbarmachen einer Erfahrung. Den Zuschauer in eine Welt zu versetzen, ihn mit einer sinnlichen Welt zu konfrontieren, mit einer musikalischen Erzählstruktur statt einer literarisch-dialoglastigen, wie es nicht nur das konventionelle Kino, sondern auch viele selbsterklärte Drehbuchgurus stets predigen. Claire Denis' Kinosprache hat mir die Augen geöffnet - und tut das immer wieder, wenn ich einen Film von ihr (erneut) sehe.
Letzte Woche sah ich ihren 2001 in Cannes umstrittenen Kannibalimus-Film "Trouble every Day" wieder, und ich war fast ein wenig erstaunt, dass der Film noch besser ist, als ich ihn erinnerte. Im Rahmen einer Sondervorführung sah ich den Film damals im Hackesche-Höfe-Kino, mit drei Freunden, die ich dorthin zerrte, und hinterher war ich in der blöden Situation, den Film verteidigen zu müssen, da die anderen drei das Irrationale des Films offenbar schwer annehmen konnten.
Dazu passt perfekt, was Martine Beugnet, die die erste Monografie über Claire Denis verfasst hat, über den Film "L'Intrus" (2004) schreibt: "Mit seiner losen Erzählstruktur und der Betonung auf Sinneseindrücke in Bild und Ton kehrt der Film diesem traditionellen Oppositionspaar (das Irrationale, Monströse auf der einen, die Wissenschaft auf der anderen Seite) den Rücken und schafft stattdessen eine Variation auf das Thema Zeit als Affekt. [...] Zeit ist vor allem eines: ein sich ständig im Fluss befindliches Arrangement von mit den Sinnen erlebten Momenten - Farben, Formen, Rhythmen, Emotionen [...] "
Auch die Kinoerfahrung "Trouble every Day", meinem zweiten Claire-Denis-Film, ist mir bis heute in äußerst intensiver Erinnerung eingebrannt geblieben, stärker als die allermeisten Filmbilder und -musik. Drastischer, gewalttätiger und körperlich radikaler als ihre sonstigen Filme - und körperlich schmerzhafter als sehr vieles, was man sonst im Kino zu sehen bekommt (darauf sollte man vielleicht gefasst sein): In diesem Film wird die sexuelle Lust, die Begierde bis zum Kannibalismus überspitzt, der Rausch der Sexualität, das Animalische, das metaphorische Verschlingen des anderen radikal verbildlicht - und dabei in Beziehung zu Sinnlichkeit und Liebe gestellt. Der Philosoph Jean-Luc Nancy zu diesem Film: "Die unerträgliche Zerrissenheit der Lust. Man könnte sagen, die ganze Geschichte des Films handle allegorisch davon und jedes Bild in seiner Buchstäblichkeit."
Im extremen Gegensatz dazu erzählt Denis' darauf folgender Film "Vendredi Soir" (2002), ausgehend von einer im Stau endenden Autofahrt in Paris, eine ganze Liebesgeschichte in einer Nacht, ohne einen Dialogsatz; der ganze Film findet über Sinneswahrnehmungen statt - Berührungen, Blicke, Töne, Lichtstimmungen, Erotik, Sex, Rauch dringt durch einen Fensterspalt, Berührungen von Oberflächen... Auch hier gilt: Darüber zu sprechen oder zu schreiben, macht wenig Sinn, man muss die Erfahrung dieses Films selbst am eigenen Körper gemacht haben. Und man muss sich vielleicht sogar trauen, sich hineinfallen zu lassen.
Mit "Vendredi Soir" bezieht sich Claire Denis deutlich auf Robert Bresson, über den sie selbst sagt: "Als ich sehr jung war und noch zur Filmhochschule ging, [...] wurde mir klar, dass kein anderer Filmemacher mich so direkt ansprach und berührt hat wie er. Man kann sich seine Filme immer wieder ansehen und wird in ihnen immer nur das finden, was wirklich wichtig ist."
Noch einmal Martine Beugnet: "Denis [setzt] ihre langsame Abkehr von den Konventionen eines handlungsgetriebenen Ursache-und-Wirkungskinos fort. [Die Handlung dient] dazu, den Rhythmus, die Tonlage vorzugeben, und übernimmt dadurch eine eher musikalisch-atmosphärische denn erzählerische Funktion. [...] Eines der unterschätzten Vorrechte des Kinos ist es wohl, dass es die Fähigkeit besitzt, den Verstand des Zusehers durch die Intelligenz der Gefühle anzusprechen."
Ein wesentlicher Bestandteil von Claire Denis' Kosmos ist die langjährige Zusammenarbeit mit ihren Partner(inn)en, auch darin ein entscheidendes Vorbild für mich: Allen voran die großartige Agnès Godard an der Kamera, die Ende der 60er Jahre eine Mitstudentin an der Pariser Filmhochschule IDHEC war; aber kaum weniger wesentlich seit zwanzig Jahren die gemeinsame Drehbuchautorenschaft mit Jean-Pol Fargeau - und bald ebenso lang die Montage von Nelly Quettier, sowie in bislang vier Filmen die Musik von Mitgliedern der Tindersticks - und nicht zuletzt die immer wiederkehrenden Schauspieler, Béatrice Dalle, Michel Subor, Grégoire Colin, Vincent Gallo... oder all die zahlreichen anderen.
Claire Denis ist recht spät als Kinoregisseurin in Erscheinung getreten. Ihr Debütspielfilm "Chocolat" (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Film mit Juliette Binoche und Johnny Depp) lief 1988 im Wettbewerb in Cannes, da war sie bereits 40 Jahre alt, zuvor war sie unter anderem Regieassistentin bei Jim Jarmuschs "Down by Law" und Wim Wenders' Filmen "Paris Texas" und "Himmel über Berlin".
Dreizehn lange Filme hat sie seitdem gedreht, und kürzlich sagte sie, sie wolle nicht mehr anders Filme machen als radikal persönlich und kompromisslos.
Ich hoffe sehr, dass sie das noch für eine lange Zeit so beibehält - und vor allem durchsetzen kann. Ich freue mich auf jeden Film von ihr wie kaum auf die neuen Filme eines anderen Regisseurs.
Am heutigen Montag wird Claire Denis 60 Jahre alt.
Vor zwei Jahren erschien anlässlich einer Retrospektive in Wien das erste deutschsprachige Buch über Claire Denis, sehr empfehlenswert; einige der hier erwähnten Zitate sind daraus. Im Vorwort schreibt Jim Jarmusch: "Hier begegnen wir kleinen Teilchen unserer selbst. Claire Denis ist als Filmemacherin unvergleichlich, und ein wunderbares Geschenk an uns alle."
(Bilder über New York Times, ErrataMag und Senses of Cinema (Link zu einem Interview))
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04.04.08 Regie
"Ich denke, das Wichtigste für einen Regisseur ist, den Schauspielern das Gefühl zu geben, dass sie geschützt sind. Dass sie sich fallen lassen und Dinge ausprobieren können, ohne von der Situation verraten zu werden oder sich verloren oder gefangen zu fühlen. Ich denke, das ist die wesentliche Aufgabe eines Regisseurs, sowohl im Film als auch im Theater.
Und wenn man das erreicht, geht es sehr leicht – vorausgesetzt man hat gute Schauspieler, natürlich.
Man muss diese Atmosphäre von gegenseitigem Vertrauen schaffen. Das gleiche gilt ja auch für mich: Wenn ich fühle, dass mir Leute nicht vertrauen, dann weiß ich nicht, was ich sagen soll. Diese Erfahrung macht jeder auch in seinem Privatleben. Wenn du weißt oder du glaubst zu wissen, dass der andere gegen dich ist, bist du vollkommen gelähmt, kommunizierst du unter deinen Fähigkeiten." - Michael Haneke, im Interview auf der DVD "La Pianiste"
"A talented director lays out opportunities that can be seized by other people (...). This is the real function of a director, I believe. And then to protect that communal vision by accepting or rejecting certain contributions. The director is ultimately the immune system of the film." - Walter Murch im Buch "The Conversations", im Gespräch mit Michael Ondaatje, Seite 28
„It’s very simple, there are two things: First, good casting – and secondly, avoid making mistakes.“ war Fred Zinnemanns Antwort auf die Frage, warum bei ihm die Schauspieler immer so gut seien. Eine gute Besetzung, das sind ja nicht nur gute Schauspieler, sondern gute Schauspieler in richtigen Rollen. Und dann muss man stets wissen, ob man auf dem richtigen Weg ist - und dem Schauspieler dabei helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Das klingt einfach - aber ist es nicht. Es ist eine Frage der Professionalität.
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30.08.07 ein paar Notizen von der Documenta12
"Jede Gesellschaft hat Ränder, und manche Menschen haben Angst, über diese Ränder ins Bodenlose zu stürzen wie jene Seefahrer, die man glauben machte, die Erde sei eine Scheibe. Alejandra Riera teilt diese Angst nicht, sondern sucht das Draußen. (...) Die Ränder der Gesellschaft sind mindestens ebenso komplex wie die Struktur des sozialen Gefüges. Erstere erlauben Letztere zu lesen, denn seit Erfindung der Psychoanalyse ist bekannt, dass das Verdrängte wiederkehrt", schreibt Roger M. Buergel. Ein Zitat von Alejandra Riera: "Die Form tritt nie deutlicher in Erscheinung als dann, wenn sie sich auflöst."
1965 in Buenos Aires geboren, lebt Alejandra Riera gegenwärtig in Paris und arbeitet seit 1995 an einer neuen Form, Fotografien, Legenden, Texte, Videodokumente und Praxiserzählungen anzuordnen: den "maquettes–sans qualités" (Modelle ohne Eigenschaften). Diese bieten keine Erklärungen, sondern befragen den Zustand der Dinge sowie das Verhältnis zwischen Bild und Text. Sie produziert Videodokumente, Fotografien und Texte, die sie in stets neue Beziehungen zueinander setzt. Gleichzeitig hinterfragt sie dokumentarische Strategien im Kunstfeld. Kennzeichnend für ihr Werk sind die vielfältigen Ebenen der interdisziplinären Zusammenarbeit.
Die englische Künstlerin Imogen Stidworthy (*1963 in London) widmet sich in ihren Fotos, Videos und Installationen dem Thema Sprache. Ihr geht es um Spracherwerb und Sprachverlust, um die Sprache als sozialen Raum. Auf der Documenta beeindruckt sie mit einer großen Installation über den Fotografen Edward Woodman, der sein Sprachvermögen bei einem Unfall im Jahr 2001 verloren hatte. Die Begegnung mit dieser Installation aus Video, Fotografie, Toncollagen und durch die Stimme vibrierenden Bodenmacht die Produktion von Sprache als körperlichen Akt erfahrbar und führt den Besucher in die Grenzbereiche sprachlicher Konventionen.
Nedko Solakovs "Fears" ist eine umfangreiche Serie von kleinformatigen Zeichnungen mit schwarzer und weißer Tinte auf Büttenpapier. Ergänzende Texte kommentieren und erweitern die fast surrealen, tragikomischen, aber genauso schönen Szenerien. Ein Kennzeichen von Solakovs facettenreichem Werk ist der narrative, humorvolle und absurde Umgang mit überlieferten Repräsentationssystemen sowie mit dem Alltäglichen. Solakov spielt virtuos und leichtfüßig, geistreich und überraschend mit den doppeldeutigen Kommunikationsstrukturen psychischer Angsterfahrung. Mit scharfer Ironie skizzieren seine Zeichnungen psychische Zustände in Grotesken, Parodien und karnevalesken Karikaturen.
Nedko Solakov (*1957) hat eine fantasievolle, verwinkelte Website: hier klicken... dort kann man auch den Text unter der oben abgebildeten Zeichnung deutlich lesbar wiederfinden. Viel Spaß...
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