I J . B I E R M A N N  im Gespräch

· Perspektiven nach dem Studium
· Wofür Filme?
· Form und Gestaltung
· Fragen und Themen
· Traumprojekt
· Ziele


Herr Biermann, Ihr Regiestudium an der dffb nähert sich so langsam dem Ende. Wie sehen Sie die Situation und Chancen von Absolventen einer Filmhochschule in Deutschland?

Tja, die Konkurrenz schläft nicht. Tatsächlich frage ich mich häufiger, wie andere Absolventen eigentlich ihre Finanzierungen für Abschlussfilme zusammen bekommen, und wie man einen Produzenten findet. Ich habe gegenwärtig eine Reihe von Projekten, die mir persönlich am Herzen liegen, in unterschiedlichen Stadien, zwischen Exposé, Treatment und Drehbuch, und die ich liebend gerne verfilmen würde. Fände ich eine Geldquelle, die mir jedes Jahr ein Budget für einen Film garantieren würde, dann hätte ich für bestimmt zehn Jahre gut zu tun.

Vor kurzem durfte ich auf dem ersten Berlinale-Empfang der deutschen Filmhochschulen ein mögliches Abschlussfilmprojekt vorstellen, einen poetischen Kinospielfilm, der sich mit dem Werk, der Philosophie und der Bedeutung von Friedrich Hölderlin auseinandersetzt - nicht historisch, sondern ganz real in der gesellschaftlichen Gegenwart verankert. Aufgefallen ist mir aber bei den Pitchings dieser Veranstaltung, dass die meisten anderen Studenten viel mehr an plotfixierten leichtfüßigen Geschichten interessiert sind und eher nette Geschichten erzählen wollen, die letztlich, so schade es auch ist, wenig bewegen, kaum hängen bleiben und auch über einen unauffälligen Feuilletonkreis nicht hinauskommen. Rosa von Praunheim nennt das immer das "Filmstudenten-Ghetto".

Ich beobachte das gleiche Prinzip in den letzten Jahren auch immer wieder bei der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" auf der Berlinale, wo ja vor allem Abschlussfilme präsentiert werden. Es fällt schon mal sehr auf, dass es gar kein Interesse - oder keinen Mut? - gibt, Filme, Abschluss- oder Debütfilme zu produzieren, die auf eine ernsthafte, ambitionierte Kinoqualität abzielen statt auf eine angepasste Fernsehfilmästhetik und -erzählweise. Das scheint wohl leider ein Zeichen unserer Zeit zu sein und hat sicher verschiedene Ursachen, die ich auf die Schnelle hier nicht erörtern kann. Kürzlich fragte ich in der dffb Joachim von Vietinghoff, der ja früher ganz andere Zeiten miterlebt hat, was er meint, warum das so ist. Er meinte, knapp zusammengefasst, die Angst sei auf allen Seiten zu groß. Jeder will natürlich seinen Job behalten. Wenn er einen hat.

Eigentlich müsste die Festivalsektion eher "Perspektive Deutsches Fernsehen" heißen, auch wenn die gezeigten Filme, die ich dort in den letzten Jahren gesehen habe, in den meisten Fällen gar keine "Perspektiven" aufzeigen, die von Standards und (TV-)Konventionen abweichen. Daher war für mich gerade eine große Erkenntnis, dass in Deutschland gar niemand auf der Suche nach Studentenfilmen ist, die richtig Kino machen wollen. Mich stört schon, dass gerade Abschlussfilme - und auch die allermeisten Kurzfilme, die von den Kurzfilmfestivals ausgewählt werden - kein Interesse haben, etwas jenseits des Drei-Akt-Plots auszuprobieren oder sich mit Dingen, gesellschaftlichen oder intellektuellen Fragen, zu beschäftigen, die jenseits von kleinen Liebesgeschichten und Pointen-Erzählen liegen. Ich meine, Kompromisse muss man schließlich noch genug machen, also warum gleich tief anfangen...?


Gehen wir doch mal konkreter auf Ihre filmschaffende Arbeit ein: Wofür wollen Ihre Filme ein Bewusstsein schaffen?

Michael Haneke sagte öfter, dass er seine Filme nicht auf ein Thema reduzieren wolle, vielmehr behandeln seine Filme eine Reihe von Aspekten und Themen, und das macht seine Filme ja auch so reich und tiefschürfend. Also Haneke ist für mich schon seit Beginn meiner Berufsgestaltung eine wichtige Orientierung, nicht zuletzt weil er es immer wieder schafft, intelligente, schmerzhafte Filme über uns Mitteleuropäer, über unsere bürgerlichen Ängste zu machen. Er setzt das fort, was Leute wie Pasolini, Antonioni oder Bergman in einer früheren Epoche des Kinos gemacht haben.

Versuche ich, meine eigenen Themen zu umschreiben, so muss ich damit anfangen, dass meine Filme und Filmideen Mikrokosmen von und in intimen Beziehungen behandeln, vielleicht könnte man sagen: Details von menschlichen Beziehungen. Wichtig dabei ist die Nähe zum Körper - mit Fragezeichen: Landschaften des Körpers, was ja eine Parallele von "Details von Beziehungen" zu "Details von Körpern, d.h. des Individuums" herstellt. Weiterer Punkt daran: Kommunikation jenseits von Worten spielt eine große Rolle, zum Beispiel Kommunikation über Körper, oft Sexualität.

Damit hängt zusammen, nicht immer explizit, aber meines Erachtens stets in irgendeiner Form: Konfrontation mit sexueller Identität. Man kann das zusammenfassen als: Uneindeutigkeit des Selbst, des Ich, der Identität. Nicht zu vergessen daran ist: das Individuum speziell inklusive dieser Uneindeutigkeiten im Verhältnis zu anderen, zu seiner Umwelt. Das ist jetzt natürlich nichts Revolutionäres, wenn man es so auf Formeln runterbricht.

Und weil ich jetzt schnell ziemlich abstrakt geworden bin, ein Beispiel: Oftmals entstehen zwischen Menschen Spannungen aus dieser Uneindeutigkeit der Identität, es kommt zu Gewalttätigkeiten verschiedener Art - psychisch, sexuell, körperlich, sinnlich, aber auch spirituell. Bedingt ist das wahrscheinlich im Ringen des Individuums mit seiner eigenen Uneindeutigkeit, d.h. im Extremfall mit einem Balancieren am psychischen Abgrund.


Was bedeutet das für die konkrete Umsetzung, für die formale Gestaltung eines Films?

Da fängt vielleicht damit an, dass nicht per se Orte bzw. Schauplätze wichtig sind, sondern mehr das Innenleben, die innere Landschaft, die Psychologie der Figuren. Eine Gefahr meiner Regie ist dabei allerdings, dass ich sehr aufpassen muss, die Handlung nicht als Mittel zum "Psychologisieren" zu benutzen. Das ist gar nicht so einfach, weil das allgemeine Kino, das durchschnittliche Unterhaltungskino, das Fernsehen uns permanent mit psychologisierenden Erzählweisen überschwemmt und man das allzu schnell als glaubwürdig akzeptiert. Dabei ist ein Film viel stärker und bleibender, wenn man über die Form des Films selbst die psychologische Wirkung erzielt. Aber das ist eben auch sehr schwer.

Die Nähe zur Musik, und damit zu einer Musikalität der Erzählform ist mir sehr wichtig - und damit verbunden: das Auffinden von Brüchen und Leerstellen. Formal suche ich aber eine Einfachheit, natürlich auch visuell, und das steht für mich ganz klar im Zusammenhang mit einer spirituellen Tiefe. Nicht selten geht es mir dabei darum, eine Konfrontation mit Verlust, Tod, Sehnsucht auszudrücken, besser gesagt: einzufangen.

Die Regisseure, die mir wichtig sind, schaffen das, und auf die eine oder andere Weise verdeutlichen sie damit etwas über unsere Gesellschaft, egal ob Regisseure im amerikanischen Kino wie David Fincher oder Michael Mann - oder Autorenfilmer aus dem eher unamerikanischen Kino: Patrice Chéreau, Claire Denis...

Zusammenfassend heißt das für mich, den individuellen Menschen in seiner Beziehung zum Größeren, zur Gesellschaft zu thematisieren. Mein persönlicher Lieblingsfilm in dieser Hinsicht ist Der Konformist von Bertolucci. Seine Filme, vor allem die nachfolgenden, finde ich sonst fast alle bei weitem nicht so stark. In Bertoluccis besten Filmen scheitern die Menschen an der Unfähigkeit zu einer echten, tiefen Beziehung - und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.


Kann man sagen, dass es bestimmte Fragen gibt, von denen Sie sich bei der Arbeit an einem Film leiten lassen?

Ja, durchaus: Wie zeige ich Intimität? Welche Bedeutung, Grenzen, Probleme hat sie? Was passiert, wenn Intimitäten verschiedener Menschen im Kampf, im Konflikt miteinander stehen? Ich glaube, dass jeder einzelne Mensch sowohl um individuelle Intimität ringt als auch um Verschmelzung, um ein Miteinander. Für mich bewegt sich gerade in unserer heutigen Zeit extrem viel zwischen diesen Polen - gemeinsame und geteilte Intimität... Eindringen in die Intimität des anderen, eines Gegenübers. Und immer gibt es auch die Frage, welche Bedeutung eigentlich die Gesellschaft in diesem Konflikt hat. Wenn ich versuche, meine bisherige filmische Arbeit auf eine Grundfrage zu destillieren, so könnte die sein: Wer bin/ist ICH im WIR ?

Diese Thematik und Dynamik findet man deutlich und zentral in meinen Filmen, sowohl in gelungeneren - in Breaking Glass oder Vor dem Konzert zum Beispiel ganz offensichtlich, aber selbst noch in eher zwiespältigeren und misslungeneren, bzw. in solchen, die ich gar nicht selbst geschrieben habe, wie Deed Poll oder Glastage.


Gibt es so etwas wie ein ganz großes Traumprojekt?

Oh ja, sogar mehrere: Eines wäre ein Spielfilm über Pasolini - vor allem weil sich in diesem Charakter, in dessen Leben und Werk alles, was ich eben genannt habe, manifestiert. Und zudem geht es um eine Künstlerpersönlichkeit, was ja noch mal eine ganze Reihe weiterer wesentlicher Dinge widerspiegelt.


Wie soll Kino Ihrer Meinung nach idealerweise sein? Wohin streben Sie als Filmemacher?

Nach einem sinnlich erfahrbaren, miterlebbaren Kino. Das auch mal schmerzhaft sein darf. Ja, das sollte es sein. Neben Musik und Ton sind mir dabei immer wieder traumartige Elemente und sogar Surrealismus wichtig, weil da die Emotion und die Fantasie viel wichtiger sind als ein stupider Plot; David Lynch oder Luis Buñuel sind da natürlich große Vorbilder, aber auch Scorsese und Wong Kar-Wei. Doch grundsätzlich wäre es wunderbar, so eine Art höchstes Ziel, mit meinen Filmen eine spirituelle Dimension zu erreichen, wie bei Tarkowskij oder bei Bach oder bei John Coltrane.

Filme, die etwas in mir bewirken, sprechen mein Unterbewusstsein an. Im besten Fall unterhalten - oder verstören - sie mich oberflächlich, doch zwischen den Zeilen, zwischen den Bildern liegen provokante Widersprüche, entscheidende Disharmonien.

Als Filmemacher suche ich also Bilder, Symbole und Töne, die in der Tiefe wirken, die Gefühlswelt ansprechen, Verdrängtes anreißen, vor den Kopf stoßen, verunsichern, Fragen, Diskussionen und die Fantasie anregen, die Sicht auf den Alltag schärfen... zuerst aus dem Alltag entführen, hinein in die Welt des Films - und dann doch wieder zurück werfen in die Realität.





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