T E X T E - HERR DER RINGE
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An: Ralf Stadler
Betreff: Herr Derr Rringe
Datum: Mittwoch, 26. Dezember 2001 01:09
Sehr geehrter Herr Ralf S. in P.,
auf ihre Bemerkungen zum Film "Herr der Ringe" des Herrn Peter J. aus N. antwortend möchte ich ihnen sogleich ein paar Eindrücke schildern, auf die wir dann bei unserer nächsten telefonischen Zusammenkunft noch genauer eingehen können und die ich hiermit zur Diskussion stelle.
Auch wenn es ihrem cineastischen Gemüt möglicherweise an die Schienbeine tritt, kann ich insgesamt nur sagen, dass ich den o.a. Film "ganz okay" bzw. "ganz nett" finde. Jawoll.
Es vermochte zumeist mein Interesse nicht besonders zu wecken, was all die Viecher (Orks und Morx und Hobbits und Tophits etc. - die vielen kuriosen Namen kann ich nie auseinander halten) auf der großen Leinwand vor meinem Auge trieben. Nur in manchen Szenen bzw. Sequenzen konnte mich die Zauberkraft der cineastischen Erzählweise begeistern, mehr oder weniger. Es ist insgesamt kein Film nach meinem Interesse, und ich kann ihnen auch nicht vollständig zustimmen, dass es sich bei diesem Kinofilm um "Special Interest" (Zitat Ralf Stadler am 23. Dezember 2001) handelt, dagegen vielmehr ein elegantes und nahezu hübsches Mainstream-Kinoprodukt zu begutachten ist.
Zwar laden die CGI- und Neuseeland-Drehorte durchaus zum Staunen ein, und so manche perfekt erzählte Hetzjagd über Brücken, Felder, Wiesen und Wälder (und dergleichen weitere Naturschauplätze) erhöht den Messstand des Hormons "Adrenalin" hin und wieder ein wenig, doch als gesamtes Erzählwerk blieb ich über nicht unbeträchtliche Strecken des Filmbesuchs nur mäßig gefesselt von den zauberhaften Gnom- und Zwergentaten, welche zur Präsentation dargeboten waren.
Als störend empfinde ich in diesem Zusammenhang auch das auf allerlei kleine Spannungsbögen folgende, wenig befriedigende Ende, das mehr an einen Dieter-Wedel-Mehrteiler (hihi) erinnert als an das von allen Seiten der New-Line-Produktionspraktikanten (oder war das der Regisseur des Films selbst?) in den höchsten Tönen verkündete einmalige Ereignis, dass es sich hierbei um die außerordentliche Einmaligkeit handelt, dass jemand "drei Filme auf einmal" gedreht habe. Dies ist offensichtlich nicht so; sondern es ist doch wohl eher ein in drei (im Abstand von jeweils einem Jahr) gesendete Teile einer Miniserie, ne? Wie gesagt, das im Übrigen auch (nicht nur wegen der John-Williams- äh, Howie-Shore-Musik) sehr pathetisch ausgefallene Ende der Episode 1 konnte mich nicht mit einem zufriedenstellenden Gefühl aus dem Saal werfen. Tja.
Apropos "Episodes", vor dem Hauptfilm (welches heute Abend der bereits genannte "Herr der Ringe, Episode 1: Die Gefährlichen" war) wurde ein kleiner Vorgeschmack "Stars warn's Episode 2 (von 9)" von Herrn Schorsch L. aus H. dargeboten, welche mich erschreckend an "Titanic" (ein mittlerweile etwas in Vergessenheit geratener Höhepunkt der Film- und Musikkultur der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts) erinnerte. Wissen sie, verehrter Herr Ralf S. aus P., etwas darüber, ob die Produzenten dieses anderen Mehrteilers (der über die Sterne, nicht über die Zwerge) dafür gesorgt haben, dass nach dem wegweisenden Kinoereignis "Pearl Harbor" [meines Erachtens der beste Film der letzten vierundzwanzig Jahre (nach "Taxi Driver" von Martin Scorsese, USA 1976), womit mal wieder bewiesen wäre, dass die entscheidenden Kulturhöhepunkte noch immer unangefochten aus Hollywood (USA Westcoast) kommen] nun auch "Episode 2 : die Tristheit kehrt zurück ins Land der heiligen Kühe und Schafe" (heißt der so?) auf Love Story getrimmt werden musste, um die Einnahmen der Lucasfilm-Studios wieder zu erhöhen? Ich weiß es nicht, bitte aber um Aufklärung.
Zurück zu "Herr derr Rringe" (von Peter J. aus N. am Meer). Der kleine Knirps (Elijah Wood) ging mir vom ersten Bild an auf die Nerven mit seinem glänzenden Gesicht und seinen genmanipulierten Strahleaugen. Ich finde, der hat keine cineastische Zauberkraft. (Musste er deswegen hypnotisiert und äußerlich sterilisiert werden?) Auch den Gefährten Nummer sieben, den schrecklichen Eunuch mit den wallenden blondierten und angeschweißten Haaren, empfand ich wahlweise als (a) Zumutung, (b) Frechheit, (c) lächerlich oder (d) warme Apfelschorle (Unzutreffendes bitte streicheln). Wer hat den denn aus seinem Käfig gelassen? Unglaublich, was heute alles so frei herumläuft. Hat Pete Jackson den als Kuriosität mit ins Programm genommen? Ach, und das eine der identischen gleich aussehenden Kinder (wurden die wohl auch gentechnisch gezüchtet?), also nicht der dicke Sam, der sich in der dämlichen Szene fast aus Versehen (oder aus Dummheit) ertränkt hat, sondern der andere Trottel (einer der vier hat ja eigentlich nie was gesagt), der die Ritterrüstung in den Brunnen geworfen hat und dann von Onkel Miraculix ausgeschimpft wurde, also der war ja auch sehr nervig und doof, oder? Das war wohl der Disney-Faktor.
Sehr eigenartig finde ich außerdem die von Ihnen bereits monierten albernen Kampfszenen, die - wie Sie bereits anmerkten - in ihrer skurrilen Albernheit kaum zu überalbern sind. Nicht nur stören sie den harmonischen Fortgang des Handlungsfadens immer wieder durch ihr genrebedingtes, aber letztendlich leidlich motiviertes Durchdiegegendwerfen, Umdenkopfschwingen und Auf-anderer-Zwerge-Köpfe-Schlagen von Schwertern, Äxten, Zangen, Kreuzschlitzschraubenziehern, Zahnarztbohrern, elektrischen Zahnbürsten und anderen Werkzeugen, sondern wirken diese gelegentlich eingestreuten, bis zur Unkenntlichkeit wirr geschnittenen Kriegsintermezzi von jeweils fünf Minuten Länge auch wegen ihrer völlig abwesenden Möglichkeit zur Orientierung für mich als Zuschauer (den man, so muss ich anmerken, am Ende nicht vergessen darf; schließlich steht eine Menge Geld auf dem Spielplan - 15 Mark 50, die man bei Nichtgefallen von New Line zurückfordern könnte) irgendwie, nun ja, albern. Oder wie sehen Sie das? Albern auch deswegen, weil in all den vielen so bösen und schlimmen Kampfszenen (fast) nie eine der Hauptfiguren getroffen wird. Spätestens beim dritten Kampfintermezzo konnte sich dann doch keine Spannung mehr einstellen, weil man als aufmerksamer Zuschauer doch schon aus Erfahrung wusste, dass niemandem etwas passieren wird. Wie James Bond oder Asterix und Obelix schaffen des "Die Gefährten" immer wieder aufs neue, Heerscharen von bösen Orks abzuschlachten. [Sehen die Orks oder wie die heißen (da gab's doch mal ne Fernsehserie namens "Mork vom Ork", mit der einst Robin Williams bekannt wurde) eigentlich nicht den Jedi-Rittern ziemlich ähnlich?] Da war man doch wirklich mal erleichtert, wenn am Ende endlich auch mal einer der "guten Krieger" den Löffel abgeben muss (doch einen pathetischen Spielberg-Todeswortwechsel gibt's dann ja gratis dazu).
Vielleicht könnte man den "Director's Cut", den Sie, wie sie mir einflüsterten, ja bereits erwarten, als komprimierte Zusammenfassung der spannenden oder eben auch nur der veränderten Szenen aller drei Teile dann zum vierten Weihnachten, also in drei Jahren, ins Kino bringen. Der würde dann die gesammelten Kampfszenen aller drei Episoden hinter einander geschnitten zeigen, ohne die störenden Landschaftsaufnahmen von Neuseeland, die Peter J. wohl als Lockmittel für die alten Damen in den Film genommen hat, ohne die langweiligen Kutschenfahrten und Wiesenspaziergänge (für die Vogelkundler und Hochzeitspaare unter den Zuschauern), ohne die Spielplatztollereien der Kinderlein (für die, tja, Kinder), ohne die vielen verschiedenfarbigen Farbfilter (für Kameramänner und Farbenblinde) und ohne die Eiskunstläufe auf Gletschern (ach nee, das gab's in diesem Teil ja noch gar nicht), und bitte auch ohne Hauptfiguren mit bunten Kontaktlinsen und ohne Eunuchen und dann auch mit echter, statt mit gefälschter John-Williams-Musik?
Apropos Hauptfiguren: ziemlich dümmlich fand ich den Namen Frodo. aber das ist vielleicht ein individuelles Trauma von mir, denn wir waren, wie ich sicher erzählte, im Mai auf einem Schlösschen in einem Dörfchen in Merklenburg-Vorpommerchen, welches den Namen Wrodow trägt, was natürlich zu Frodo kein großer Katzensprung mehr ist.
Tja, vielleicht sind Mythen einfach nicht so ganz meine Sache, vielleicht auch nur nicht in dieser Form; ich werde mich am besten wieder meinem Buch "der Alchimist" zuwenden, möchte zuvor jedoch noch einmal daran erinnern, dass die letzte CD-Veröffentlichung der deutschen Punkband (sic) "Die Goldenen Zitronen" den Titel "Schafott zum Fahrstuhl" trägt, in perfekter Analogie (was bedeutet dieses Fremdwort?) zu diesem Film, "Ringe des Herrn", adieu.
ijb
Von: Ralf Stadler
Betreff: Herr derr Rringe
Datum: Mittwoch, 26. Dezember 2001 23:23
Herr "J." Biermann,
wir danken für Ihre Zuschrift und beeilen uns, zu betonen, stets über qualifizierte Meinungen und Auskünfte höchst erfreut zu sein. Da der Schwerpunkt dabei auf "qualifiziert" liegt und wir unserer Leserschaft gegenüber zu einer gewissen Sorgfalt verpflichtet sind, nehmen wir Ihre - sicherlich gut gemeinte- Zuschrift dankbar zur Kenntnis, bitten Sie aber, in Zukunft von derartigen Meinungsäußerungen - zumindest insofern sie Ihnen offenbar gedanklich nicht zugängliche Themenkomplexe wie das kinematographische Medium betreffen - tunlichst zu unterlassen, oder zumindest gegenüber unserem Magazin sowie (falls Sie auf soziale Kontakte Wert legen) auch gegenüber Ihren geschätzten Mitmenschen auf ein Maß zu beschränken, das dem absoluten Schweigen gleicht, wie es etwa außerhalb der Erdatmosphäre im Kosmos anzutreffen ist.
Mit der Maßnahme, ihre Mitteilung sofort dem Aktenvernichter anheimfallen zu lassen, schützen wir nicht nur uns, sondern vor allem Sie selbst vor den Auswirkungen, welche eine gedankenlose Filmkritik, basierend allem Anschein nach einzig auf der Sichtung diverser Standfotos und Fernsehausschnitte, auf weniger gefestigte Charakter haben könnte. Von Dankesbezeigungen im Stil Ihrer üblichen Pamphlete bitten wir abzusehen und verbleiben freundlichst Ihre
RALF STADLER FILMPRODUKTION
ijb
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