T E X T E - LOVE ME
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LOVE ME
Frankreich 2000, Regie: Laetitia Masson, ca. 105 min.
FU Berlin, Seminar Filmkritik, März 2001
"Since my Baby left me, I found a new Place to dwell."
Im vergangenen Jahr war ich bei einem kleinen, leidenschaftlichen Konzert von John Cale, dessen Abschluss vor den Zugaben "Heartbreak Hotel" bildete, das er wie keine andere Fremdkomposition zu seiner eigenen gemacht hat. Ende der Fünfziger war "Heartbreak Hotel" noch ein kitschiges Rockstück von Elvis Presley, das Cale in den Siebzigern als qualvollen Aufschrei aus der Drogenhölle interpretierte. Später wurde es zu einem Cale-typischen melancholischen Ausdruck eines intensiv gelebten (Künstler-)Lebens, bevor es nun in Laetitia Massons neuem Film wieder in einen Kitschzusammenhang gerückt wird - paradoxerweise unter Mithilfe eben jenes John Cale, der nach zuletzt "La Vent de La Nuit" einen weiteren Soundtrack für das französische Kino geschrieben hat.
Cales ausdrucksstarke Pianokunst ist es auch, was Love me seine stärksten Momente verleiht; der einzige musikalische Gegenpol in einem Film, der mit den Klischees von amerikanischen Liebesliedern spielt als wären sie Bilder von Andy Warhol.
Massons dritter Kinofilm beginnt mit einer Weißblende, was die Regisseurin anlässlich ihres letzten Films als ihre "kinematographische Art zu sagen: Es war einmal" bezeichnet hat. Bis zu seinem Ende erscheint ihr neuer Film wie eine Zauberwelt, ein Traum, wie ihn nur das Kino schaffen kann. Nach dem Realismus von "En avoir (ou pas)" (1995) und der kühlen Studie "À Vendre" (1998) ist sie nun bei einem Kino des Träumens und Märchenerzählens angekommen.
"Je cherche l'amour"
Wie in den beiden vorher gehenden Filmen spielt Sandrine Kiberlain eine junge Frau auf der Suche nach einem Platz im Leben, oder überhaupt nach einem (besseren) Leben und auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Die junge Frau, die sich später als Gabrielle Rose vorstellt, träumt sich ein eigenes Leben zusammen. Ein Gedächtnisverlust, als Bild für eine (gewünschte?) Heimatlosigkeit, zum anderern als symbolischer Ausgangspunkt für eine unvoreingenommene Suche nach Liebe und Erfahrung ihrer verschiedenen Varianten, ist der Impuls für eine größtenteils assoziative Erzählweise, bei der sich am Ende jeder ein eigenes Gesamtbild der Zusammenhänge zu machen hat.
Durch die rätselhafte Parallelmontage verschiedener Traum- und Realitätsebenen ist "Love me" ein Film wie Musik, durch die viele Musik fast ein Musical. Es gibt keine unumstößliche Sichtweise auf diese Filmwelt - Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Diese Filmkunst folgt der Logik des Traums.
Gabrielle ist einmal ein fünfzehnjähriges Mädchen (Salome Stévenin), das von einem Mann mit Pistole (Jean-François Stévenin) aus dem Waisenhaus entführt wird; dann eine junge Frau ohne Herkunft und Gedächtnis, die sich in Amerika in den Sänger Lennox (Johnny Hallyday) verliebt; als dritte,"realste" Gabrielle wohnt sie an der französischen Küste in einem Wohnwagen und sucht nicht nur die Liebe, sondern auch Arbeit.
Immer wieder überlagern sich diese Ebenen, etwa wenn Gabrielle sich von ihrer Mutter und ihrem 15jährigen Selbst verfolgt fühlt, wobei letztere kurioserweise die abgeklärtesten, ernüchtertesten Vorstellungen von Liebe und Sex ("Ein Schwanz ist ein Schwanz") vertritt.
"And it's supposed to be Love"
Mehr als bisher umarmt Laetitia Masson mit ihrem neuen Film Jean-Luc Godard, der wie John Cale ein ewig Unverstandener ist, und der, obwohl er das Kino liebt wie kaum ein anderer, einmal sagte "Ich habe gut damit gelebt, Filme zu machen, die niemand sehen wollte."
Wie sein Film "Le Mépris" (1963) eine Reflexion über das Kino, über die Liebe und auf einer tieferen Ebene ebenso über die Rolle der Frau in der Gesellschaft war, so ist auch "Love me" im Grunde ein Godardscher Filmessay über die selben Themen. Dass Masson große Bilder gestalten kann, braucht sie nicht mehr zu beweisen, nun möchte sie zeigen, wie man den Essay mit Gefühl und dem Kitsch von Liebesliedern verbinden kann. Der Film lässt einen dennoch kalt (oder eben deswegen) - das berüchtigte Godard-Syndrom.
Die Dialoge, vor allem die zwischen Gabrielle und Lennox (auch Hallyday ist eine Verbindung zu Godard, der ihn 1985 in "Détective" besetzte), gehen oft ins Nichts, ins Leere. Mit Klischeesätzen wie "Ich habe zuviel geliebt." wird Lennox als liebesunfähig dargestellt, er glaubt nicht mehr an die Liebe, was sich schließlich auf Gabrielle überträgt: "Warum wollen alle was aufbauen? Warum bleibt es nicht beim Sex?"
"I can`t help falling Love with you"
In ihrem Wohnwagen verfolgt Gabrielle entrückt ein Fernsehinterview mit einem Psychologen, der typisch wissenschaftlich-analytische Theorien über die Liebe verkündet. Ihr Leben will aufregender sein als es im tristen Frankreich ist.
Der Entführer mit der Pistole ist später mal Lennox' Agent, am Ende ist er wohl doch nur Gabrielles Psychotherapeut in Le Havre; eine arme Frau vor dem Supermarkt wird im Traum zur verlorenen Mutter; aus allem Geträumten und Realen setzt die junge Frau sich ihr eigenes Universum zusammen. Und so steht man wie in Woody Allens "Purple Rose of Cairo" am Ende vor der Frage, ob die Illusion über die Realität siegen darf.
Auch mein Freund Ralf Stadler beendet gerade einen Film über eben dieses Thema, und er schreibt darüber: "Ohne den Willen des Zuschauers ist Kino nur albernes Theater, in dem man mit Technik und lauten Geräuschen Illusionen erzwingt. Der Zuschauer soll ja glauben dürfen und trotzdem die Wahl haben."
Während Godard uns fast nie ein glückliches Ende gönnte, flieht Gabrielle am Ende aus ihrem französischen Leben nach Taiwan, zu einem Seemann (Julian Sands), mit dem sie sich am Hafen eine Stunde lang unterhalten hat. Damit und in der Schwärmerei für den Rocksänger wiederholt Gabrielle das traurige Leben ihrer Mutter. Insofern kann das kitschig-kinoverliebte Happy End als zögerlicher Hoffnungschimmer auf ein besseres Leben gesehen werden, wie schon in "En avoir (ou pas)" und "À Vendre", oder als ironisch überhöht abgelehnt werden.
"Es ist trist, ich könnte etwas Musik gebrauchen."
"Love me" ist ein ausgesprochen persönlicher Film, vergleichbar mit denen von Léos Carax, auch er ein ewig Unverstandener. Laetitia Masson möchte uns mitnehmen in ihre persönliche Welt aus Kino und Musik. In meinem Kopf funktioniert der Film halbwegs überzeugend über persönliche Referenzen - Cale, Godard, Allen, Carax, Ralf Stadler, Panama... - wie es ein Vorgehen in der Psychoanalyse ist. Und eben im Traum.
ijb01
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