T E X T E  -  RESSOURCES HUMAINES


DIE WIRKLICHKEIT INSZENIEREN

Ressources Humaines
(Laurent Cantet, F 1999), 100 min.



Wer im Kino die reine Wirklichkeit sehen will, sieht sich gewöhnlich Dokumentarfilme an. Und Otto Normalzuschauer - wenn er sich denn mal in einen solchen verirrt - begibt sich danach mit dem kulturgesättigten Gefühl nach Hause, mal wieder was für die Bildung getan zu haben, gerade so, als ob er ein Sachbuch oder Lexikon aufgeschlagen hätte.


Der Regisseur Laurent Cantet geht einen klugen Weg. Nach Dokumentationen und preisgekrönten Kurzfilmen stellte er - bereits vor zwei Jahren - seinen ersten abendfüllenden Kinospielfilm "Ressources Humaines" fertig, dessen brisante Nähe zum Dokumentarischen kaum größer sein könnte.

Ähnlich wie vor kurzem Betrand Tavernier in "Ça commence aujourd'hui" nimmt Cantet ein genau beobachtetes soziales ("dokumentiertes") Umfeld als Grundlage für ein konfliktreiches Drama, das - noch stärker als es im jüngeren französischen Kino sonst so oft der Fall ist - ganz nah an der Wirklichkeit, an sozialen und politischen Fragen statt findet.


Franck Verdeau (Jalil Lespert, der einzige professionelle Schauspieler des Films), 22jähriger Diplomstudent einer Pariser Wirtschaftsschule, kehrt in seine Heimatstadt zurück, um ein Praktikum in der Firma zu absolvieren, in der sein Vater seit 30 Jahren eine Fließbandarbeit verrichtet, und in der nun die 35-Stunden-Woche eingeführt werden soll.

Ohne viele Worte wird der Zuschauer in den Film (hin)ein- geführt, in die Personen und das Umfeld, die Kleinstadt und die Familie.
Langsam, aber bestimmt werden die Konflikte der Geschichte entfaltet. Mit unverdorbenem Idealismus und Erfolgsstreben macht sich Franck ans Werk, zwischen Arbeitern und Firmenleitung zu vermitteln. Doch ehe er sich versieht, steht er zwischen den Fronten, und er muss immer wieder erkennen, dass Privat- und Familienleben hier nicht vom beruflichen Engagement trennbar sind, und dass seine ehrgeizigen Pläne kaum über die Theorie hinaus kommen. Freunde von früher beneiden Francks gesellschaftlichen Aufstieg oder sehen wie die Gewerkschafter in ihm nur den arroganten Aufsteiger, der Chef der Firma will ihn für seine Zwecke benutzen, die Familie möchte ihre kleinbürgerliche Existenz nicht gestört sehen und wünscht sich für den Sohn eigentlich nur ein zufriedenes Leben. Franck gerät immer wieder in Gewissenskonflikte zwischen seiner Herkunft und seinen beruflichen Ambitionen, besonders als er versehentlich von angesetzten Entlassung seines Vaters erfährt.


Cantet setzt auf starke Reduktion der filmischen Mittel: von Anfang an wird in nüchternen, authentischen Bildern - nie überhöht oder ironisiert - erzählt; ebenso unterstreicht auch der Verzicht auf jegliche Off-Musik den dokumentarischen Charakter des Films.

Die Menschen und ihr Milieu sind subtil und genau gezeichnet, werden nie vorschnell verurteilt, sondern mit ihren Stärken und Schwächen dargestellt. Vergleichbar mit Bresson oder Tavernier lässt Cantet die Figuren von Laien verkörpern, von arbeitslosen Fabrikarbeitern, die auch am Drehbuch mitgearbeitet haben.

Danielle Mélador zum Beispiel kämpft auch in ihrem eigenen Leben für die Belange, die sie im Film als Gewerkschafterin Danielle Arnoux vertritt. So überschneiden sich an vielen Stellen die filmische Wirklichkeit und die Realität in Frankreich. Die große Kunst dabei ist, wie Cantet keinerlei Schwarz-Weiß-Malerei zulässt. Besonders großartig ist die Ambivalenz in der Darstellung des Vaters (Jean-Claude Vallod), der zwischen Neid, Stolz, Angst um den Sohn und dem Wunsch, Franck möge es einmal besser haben, schwankt, und der zu daseinsmüde ist, um seinem Leben noch mal einen aktiven Ruck geben zu wollen. Vallod "spielt" mit einer überzeugenden Zurückhaltung, so dass man während des gesamten Films nicht auf den Gedanken kommt, dass er kein Berufsschauspieler ist.


Zu alledem kommt Cantets effektives dramaturgisches Vorgehen, dass der Filme niemals in die Gefahr läuft, im Didaktischen oder in einer distanzierten Betrachtung über Arbeitslosigkeit und Strukturwandel in der Industrie stecken bleibt: Die Familie ist immer mit im Spiel; es geht um Gefühle, um Emotionen, die jeder mitempfinden kann, auch wenn im eigenen Leben keine direkte Beziehung zu Arbeitslosigkeit und Industrie besteht. Auf dem dramatischen Höhepunkt der Geschichte, dem Streik der Fabrikarbeiter, spitzt sich auch der Vater-Sohn-Konflikt bis in existenzielle Dimension zu.


Das alles hat natürlich nichts mit Kino als Traumfabrik zu tun, sondern ist beispielhaft dafür, wie man sich ungeschminktes, engagiertes Kino wünscht. Dazu kommt, dass "Ressources Humaines" einer der Filme ist, die Mut machen, eigene Filme zu realisieren, die persönlich, individuell sind, und seien sie noch so unscheinbar alltäglich. Das Alltägliche begeistert, wenn wir es im Grunde gar nicht kennen.

ijb Juni 2001

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